PARA NOIA

von Dietmar Kamper

Überlegungen zum Foucault-Tribunal, zur Zwangs-Lage der Psychiatrie und zum politischen Stand der Dinge.

Mit Michel Foucault ist noch immer kein Staat zu machen, keine Institution zu retten und erst recht kein Tribunal zu errichten. Er hat in den Hauptschriften etwas Unerhörtes unternommen, nämlich den berechtigten „Gerichtshof der Vernunft", nach Kant die den Menschen einzig verbliebene Instanz zur Klärung fundamentaler Fragen, selbst vor die Schranken des Gerichts zu ziehen. Seitdem ist ehrlicherweise der Platz des Richters leer. Seitdem ist in den letzten Dingen, aber auch in den vorletzten, keine Rechtssicherheit mehr zu gewinnen. Seitdem gibt es strenggenommen keine einheitliche Theorie des Zeitalters mehr.

Hegels Traum von der Weltgeschichte als dem Weltgericht ist ausgeträumt. Aber es bleibt die „Schule des Verdachts" (Nietzsche), bei aller Unentscheidbarkeit ein Anlaß zur nachhaltigen Erkenntnis der Dinge.
Das Foucault-Tribunal zur Lage der Psychiatrie wirft zwei Fragen auf, die nur im Zusammenhang beantwortet werden können.

Erstens: Wie vernünftig ist die Psychiatrie heute im Verhältnis zu ihren eigenen Ansprüchen? Zweitens: Wie wahnsinnig ist die aktuelle Gesellschaft im Gegensatz zu Ihrem rundesten Selbstverständnis? Die Fragen sind gegenläufig. Sie spielen einen Platzwechsel an: daß nämlich dem Vernehmen nach die Institutionen der Psychiatrie auf gutem Wege zu immer mehr Vernunft seien, die Gesellschaft insgesamt aber abrutsche in immer mehr Paradoxien, Absurditäten und andere irrsinnige Konstellationen.

Was die Form des Foucault-Tribunals angeht, so verbietet sich von vornherein eine Veranstaltung mit abschließendem, definitivem Urteil und erst recht jede Vorverurteilung. Eine Antwort auf die beiden gestellten Fragen muß ausgehandelt werden und fordert statt einer einheitlichen, ganzen Theorie kompetenter Wissenschaftler die Performance. Der Prozeß, den Foucault gegen die Vernunft angestrengt hat und den das Foucault-Tribunal fortzusetzen versucht, muß aufgeführt werden und gehört deshalb ins Theater. Er kann nur auf der Bühne als dem Ort neben der Vernunft, das heißt „Para Noia" stattfinden.

Fünf Hypothesen und fünf Erläuterungen

1. Man kann nicht vom Wahnsinn sprechen, ohne von der Vernunft zu sprechen, denn beide sind historisch aus einer einzigen Geste der Angst entstanden (Michel Foucault).
Das cartesianische Cogito hat eine unbeliebige Kehrseite, nämlich die Wahrheit des Wahns, die sich bis heute durchhält, die allerdings nur gegen die Vernunft artikuliert werden kann. Foucault versuchte ein Leben lang, nach „Psychologie und Geisteskrankheit", nach „Wahnsinn und Gesellschaft" diese vertrackte Struktur zu verdeutlichen. Er hat sie schließlich in die Formel gefaßt.- „Die Vernunft, das ist die Folter". Die Humanwissenschaften entstammen ausnahmslos der Inquisition und tragen noch nur die Spuren der Herkunft. Foucaults Hoffnung, diese der Vernunft selbst uneinsichtige Wahrheit mit Hilfe der Sprache des Wahns freizulegen, hat sich jedoch nicht erfüllt. Die angeklagten human- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen haben die Anklage mit Vehemenz zurückgewiesen, verleugnet, verdrängt, verworfen und sind wieder zur Tagesordnung übergegangen.

Andererseits hat der Wahn als die Nachtseite der Vernunft die gegen ihn errichteten Verteidigungsanlagen unterminiert. Eine vollkommen paradoxe Situation ist entstanden: die Hochburgen der Vernunft sind Spielplätze des Irrsinns geworden. Deshalb kann man auch nicht von der Vernunft sprechen, ohne vom Wahnsinn zu sprechen. Denn nur, wenn man beides zusammenhält, ist der Punkt der Verzweigung beider zu erreichen und der Zusammenhang von Angst und Methode in den Wissenschaften endlich zu Bewußtsein zu bringen. Davon werde viel abhängen.

2. Man muß endlich bemerken, daß schon die Theorie des Wahns die Form der Einsperrung hat, die in der psychiatrischen Praxis herrscht (
Thomas Szasz).
Michel Foucault und Thomas Szasz sind sich einig darin, daß Psychiatrie als Ordnungsmacht nicht auf der Ebene der Theorie, sondern in Maßnahmen und Prozeduren vorgeht. Die nach dem Muster der Naturwissenschaft gebildeten Krankheitsbegriffe realisieren sich in einer Praxis, die wie eine „self fulfilling prophecy" funktioniert. Der Begriff „Geisteskrankheit" schafft sich seine eigene Realität und fährt zur nachträglichen Bestätigung einer nicht mehr überprüfbaren Erfindung. Dadurch wird er unangreifbar und bildet einen Hof von Legitimitäten aus, die sich in den Anordnungen des Raums und der Zeit, aber auch in den herrschenden Diskursen installieren.

Die Reifikation theoretischer Zuschreibungen ist und bleibt das Hauptkennzeichen aller Prozesse des Elends in Institutionen. Das kann dazu fuhren, daß Ärzte und Patienten an die Realität einer nicht überprüfbaren Erfindung mit allen realen Konsequenzen glauben. Insofern gibt es keine „unschuldigen" Begriffe, Muster und Bilder im Umgang der Menschen miteinander. Der Umstand, daß es reale Wirkungen eingebildeter Strukturen gibt, entschuldet niemanden. Andererseits darf man nicht erwarten, daß eine Rücknahme von Definitionen die im Labeling ausgebrochenen Störungen sofort auflöst. Die Löschung des Wortzaubers und des Begriffsfetischismus ist nicht automatisch auch eine Löschung der Symptome. Das wird dauern, aber es wird kommen.

3. Es ist eine historische Schuld ohnegleichen, daß die den Humanwissenschaften inhärente Menschenverachtung bis zur Massenvernichtung ausgebaut wurde (Zygmunt Bauman).
Die gemeinte Menschenverachtung ist keine Charaktereigenschaft, sondern eine Struktur, die durch Überforderung zustande kommt.

Es war die inkommensurable Entdeckung von Laing und anderen, daß man gegen die Subtilität des Wahns nur mit einem Betreuungsverhältnis von 1:1 und im konkreten Nachgang zu den „Reisen" eine wirkliche Chance hat. Die Antipsychiatrie ist daran gescheitert, daß eine solche Unverträglichkeit von Aufwand und Erfolg Institutionen nicht realisierbar ist. Nichtsdestotrotz ist die Umkehrung der Überforderung in Gleichgültigkeit nicht zu rechtfertigen, denn die daraus resultierende Menschenverachtung wird zum Habitus, der sich in der Unfähigkeit verfestigt, die Menschen, mit denen man umgeht, Oberhaupt noch wahrnehmen zu können. Das ist die Klage der Irren von Anfang an, daß man nicht zu ihnen spricht, sondern über sie. Wahrnehmung wäre eine letzte Weise der Achtung und der Solidarität unter den Bedingungen einer gesellschaftlichen Vernunft, die zur Folter wurde.

Wenn man den Kopf voll mit Begriffen, Mustern und Bildern hat, wie es Wissenschaft in Perfektion fordert, ist es unmöglich wahrzunehmen. Um sich dergleichen nicht eingestehen zu messen, greift man zu juristischen Formeln einer geschlossenen Anthropologie, gegen die ein Einspruch seitens der betroffenen Menschen ausgeschlossen ist. Die Ordnungsmacht hat hier die Form der Vernichtung, die Ordnung ist praktischer Nihilismus. Noch die Kritik daran ist zum Besserwissen genötigt, das wahrnehmungsunfähig nicht.

4. Die Einsicht ist überfällig, daß dieses sich selbst undurchsichtige psychiatrische Modell der Nacht auf die gesamte Gesellschaft ausgeweitet und mit Macht installiert worden ist (Gerburg Treusch-Dieter).
Es war nicht der gemeine Irrationalismus, nicht der politische Obskurantismus, auch nicht „das Böse" in maskierter Gestalt, sondern die bis dahin höchste Errungenschaft der Zivilisation: der triumphale menschliche Geist, der die Massaker des 20. Jahrhunderts auf dem Gewissen hat. Man vergleiche die „Dialektik der Aufklärung" von Horkheiner und Adorno. Aber dieser Geist läßt sich die Massaker weiterhin nicht anrechnen.

Seitdem droht das Verbrechen ubiquitär zu werden. Gleichzeitig wird es mit allen Mitteln abgewälzt. Ein Kerkersystem der subtilsten Art ist entstanden, ein „Gefängnis der Freiheit" (Kaempfer), ein kollektives zwanghaftes Imaginäres, das dem Umfange nach der globalen Weltgesellschaft entspricht und unentwegt an seiner eigenen Unkenntlichkeit arbeitet. Die Internierung der „Geisteskranken" ist längst zur Internierung der „Geistesgesunden" erfolgreich fortgeschritten. Das Gefängnis ist eines des selbstbezüglichen Geistes, körperlos und immateriell. Träger, Vollzugsbeamte und Insassen sind pausenlos beschäftigt, alle sozialen und politischen Brennpunkte bis zur Unerkennbarkeit zu vertuschen.

Das ist die aktuelle Essenz der Globalisierung: der universale europäische Geist, Kehrseite des Wahns, daß das Menschenwürdige mit Macht einhergehen könne, nährt ein binär kodiertes System der Homogenisierung, das sich alles, was es gibt, als Daten einverleibt. Die mühsam erreichten Aufklärungen der vergangenen Jahrzehnte kommen nicht dagegen auf, daß die Unterscheidung von Wahn und Wirklichkeit, unerläßlicher Gegenhalt gegen Unterdrückung und Vernichtung, in absolute Gleichgültigkeit versinkt.

5. Es käme darauf an, den Zwang, den man gegen Menschen übt, von dem Zwang loszuketten, den Menschen gezwungenermaßen gegen sich selbst üben (Dietmar Kamper).
Macht, die man ausübt, macht abhängig, sowohl die Opfer als auch die Täter. Diese Einsicht bricht mit der konventionellen Annahme, daß mit Macht Verhältnisse produziert werden könnten, die von der Macht unabhängig sind und zurecht „menschenwürdig" genannt werden. Sie bricht erst recht mit der Illusion, daß zwar nicht die Opfer, aber die Täter von der Macht profitieren. Letzteres war und ist ein infantiler Wunsch, der außer Kraft gesetzt werden muß, denn ungebrochen führt er über Rückkoppelungen zum neuen Wahnsinn der aktuellen Gesellschaft, daß nämlich ihre Mitglieder sich so oder so massenhaft selbst eliminieren, um endlich ein gutes Gewissen zu haben.

Die Macht des Imaginären, der man sich unterwirft, stammt aus den Imaginären der Macht, an dem man teil hat. Menschen, die durch die Umstände genötigt sind, auf Zugehörigkeit zu verzichten, stellen sich außerhalb der Menschheit im Sinne der Menschlichkeit. Eine solche Gefahr ist keineswegs mehr ausgeschlossen und zuletzt von Derrida und Luhmann auf je unterschiedliche Weise beschrieben worden. Unter den herrschenden Bedingungen von Folter, Kerker, Panoptismus, zwanghafter Zuwendung und Psychiatrisierung ist der Punkt erreicht, an den die erlittene Menschenverachtung in eine Selbstverachtung mit radikalen Konsequenzen umschlägt. Terror aber, ob beabsichtigt oder in Kauf genommen, bleibt unter den noch immer nicht eingelösten Prämissen von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit ein Verbrechen, das zum Himmel schreit, auch wenn Gott tot ist.

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