Macht Wahn Sinn


Ein Tribunal zur Lage der Psychiatrie verhandelt die These, daß Verrückt-Sein keine Krankheit, sondern einfach nur anderes Leben ist.

Von Kathrin Gerlof und Nathalie Hillmanns

Es gibt Menschen, die seit Jahren behaupten, daß das Wegsperren Verrückter in geschlossene Anstalten gegen die Menschenrechte verstößt. Sie haben sich zusammengefunden, um etwas Ungewöhnliches zu versuchen: Vom 1. bis 3. Mai diesen Jahres erheben diese Menschen in der ostberliner Volksbühne eine Anklage gegen die herrschende Psychiatrie, die auf einem Tribunal verhandelt werden soll. Ziel ist, daß nie wieder jemand gegen seinen Willen „in die Klapsmühle eingefahren wird". Deshalb haben wissenschaftliche Vertreter und Vertreterinnen der Anti-Psychiatriebewegung und Psychiatriebetroffene das Tribunal, das den Namen Foucault-Tribunal trägt, organisiert. Ankläger sind Frauen und Männer der Berliner Selbsthilfegruppe „Irrenoffensive e.V.", Thomas S.Szasz, Professor der Psychiatrie aus New York, der Berliner Professor für Soziologie Dietmar Kamper, der Professor für politische Wissenschaften Wolf-Dieter Narr und die Professorin für Soziologie Gerburg Treusch-Dieter.


Auf dem Tribunal werden diese Menschen gemeinsam mit anderen über die wirklichen Lebensverhältnisse von zwangseingewiesenen und zwangsbehandelten Menschen verhandeln, um wie sie selbst sagen, "die Zeit des Totschweigens zu beenden". Die Jury dieser Verhandlung wird entgegen der üblichen Praxis von Gerichtsprozessen parteiisch sein und aus Menschen bestehen, die in der Öffentlichkeit als verrückt, blöd, irre, psychisch krank gelten. Angeklagt sind Psychiater, Leiter psychiatrischer Anstalten und politische Befürworter der medizinischen Psychiatrie.


Der Verein „Irrenoffensive", Anstifter des Tribunals, bildet mit dem Landesverband Psychatrieerfahrener und dem Psychatrie-Beschwerdezentrum ein kleines Netzwerk, das Menschen hilft, die negative Erfahrungen mit der Psychiatrie gemacht haben. Viele dieser Menschen nennen sich sehr bewußt "Psychatrieüberlebende", haben Zwangseinweisung, Fixierung, Behandlung mit bewußtseinsverändernden Medikamenten oder Elektroschocks hinter sich. Nicht wenige davon sind durch ihre Familien entmündigt worden, denn nicht selten geschieht die Einweisung in eine psychiatrische Anstalt durch Familienangehörige oder Freunde. Alle verlassen die Psychiatrie mit einer Diagnose, die ihnen meist ihr Leben lang anhängt. Oft macht erst diese Diagnose sie krank oder gar unheilbar krank. Von nun an tragen sie den Stempel auf der Stirn: Verrückt und damit unzuverlässig. Wer könnte sich vorstellen, jemandem eine Arbeit zu geben, der schizophren ist, heute Klaus, morgen Hartmut?


Die Gesellschaft versucht sich einzureden, daß Verrückte vor sich selbst geschützt werden müssen, um nicht zugeben zu müssen, daß sie vor den Verrückten geschützt werden möchte, sagen die Ankläger. Die Ausgrenzung von Menschen, die als verrückt gelten, ist umfassend und dauerhaft. Frauen und Männer im Umfeld der "Irrenoffensive" denken seit langem über die Begriffe der Krankheit und der Freiwilligkeit nach, stellen sich die Frage, ob Verrückte krank sind. Sie diskutieren, ob Psychatrie so reformiert werden kann, daß Verrückte selbst entscheiden, ob und in welchem Maße sie psychiatrische Hilfe in Anspruch nehmen. So entstand die Idee des Foucault-Tribunals, das an diesem Wochenende der Beginn einer erneuten und öffentlichen Diskussion über eben diese Fragen sein soll.


Vor allem der Krankheitsbegriff und die Klassifizierungen Schizophrenie, manisch/depressiv, Borderliner und anankastische (unter Zwangsvorstellungen leidende) Persönlichkeit werden von den Organisatoren in Frage gestellt. Diese Bezeichnungen beschreiben Phänomene des Wahnsinns, nicht aber Ursachen einer Krankheit, so die Betroffenen. Lediglich der Körper und nicht der Geist könne krank sein, meint Thomas S. Szasz, einer der Begründer der Anti-Psychiatrie Bewegung aus den 70er Jahren. Die Einstufungen der geistigen Verfassung eines Menschen aber unterliege den Normen einer Gesellschaft.


Was außerhalb der Toleranzgrenze liege, werde immer neu definiert. Homosexualität beispielsweise galt lange Zeit als Krankheit, die bekämpft und ausgegrenzt wurde. Heute werden Schwule und Lesben zwar als anders, nicht aber als krank angesehen. Die Maximalforderungen des Foucault-Tribunals lauten daher: Gleichstellung der Verrücktheit mit homosexuellen Lebensformen, Umschulung von Psychiatern zu Drogenberatern und die Einrichtung eines Lehrstuhls für Wahnsinn an der Freien Universität in Berlin.

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