Therapie - Carl Schneider - Arbeit macht frei

Zur Produktivkraft der Ideologie
oder Thesen zur Topographie des Holocaust

"Die Ausrottung von Ketzern auf den Scheiterhaufen der Christenheit war eine theologische Maßnahme.
Die Ausrottung von Juden in den Gaskammern der Nazis war eine medizinische Maßnahme."

Thomas SzaszTheologie der Medizin" 1977

Für eine grobe, holzschnittartige Skizze meiner Gedanken, die die Fallinie der Argumentation durchsichtig machen soll, am Anfang meiner Kollage, ein Zusammenfassung der bekannten Fakten unter besonderer Berücksichtigung von Carl Schneider, zitiert aus Henry Friedlander „Der Weg in den NS-Genozid". Ich messe diesem Werk grundlegende Bedeutung zu, wie er auch die von Frau Nowak (Vorsitzende des „Bunds der „Euthanasie-Geschädigten und Zwangssterilisierten") vertretene These des „Euthanasie" Mordens aus Rassismus stützt, und sich eben nicht an der ideologischen Verhüllung von „lebensunwert" aufhält.

Im ersten Kapitel untersuche ich die ideologischen Voraussetzungen des Genozids und versuche zu zeigen, wie die Überzeugung von der Ungleichheit der Menschen Theorien über die sog. Minderwertigkeit, Entartung und Kriminalität der Behinderten und der Angehörigen anderer Rassen hervorbrachte. Der Antisemitismus war ein Aspekt dieser Ungleichheitsideologie
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Ich hatte nicht die Absicht, über die deutsche Medizin zu schreiben; ich wollte die Verbrechen des NS-Regimes begreifen. Etwa Mitte der Achtziger Jahre hatte mein Quellenstudium mich zu der Überzeugung gebracht, daß zwischen dem Euthanasieprogramm und dem Genozid des NS-Regimes ein enger Zusammenhang bestand; mir war klargeworden, daß die Ideologie, der Entscheidungsprozeß, das Personal und die Tötungstechnik die Euthanasie mit der »Endlösung« verbanden. Die Opfer wurden wegen ihrer Erbanlagen verfolgt. So konnte ich nicht umhin, den NS Genozid - der heute in der Regel Holocaust genannt wird - als Massenmord an Menschen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer biologisch determinierten Gruppe zu definieren.
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Die Biologie besiegelte auch das Schicksal der Behinderten, die ihre Lage genausowenig zu ändern vermochten wie Juden und Zigeuner. Behinderte Kinder in Kliniken wurden ebenso getötet wie alte Männer und Frauen in sog. Siechenheimen. Ich erkannte, daß das NS-Regime nur drei Gruppen von Menschen systematisch ermordete: die Behinderten, die Juden und die Zigeuner.
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Die in der „Euthanasie" ermordeten Menschen wurden auch nicht deshalb getötet, um Klinikbetten zu räumen oder Kosten zu sparen; der Beweggrund der Mörder war vielmehr die ideologische Zwangsvorstellung von einem rassisch homogenen und gesunden Volk. Behinderte sollten aus dem nationalen Erbgut ausgeschlossen werden.

Paul Nitsches Bemerkungen zur Rolle der Psychiatrie, die auch auf die Anthropologie und die Genetik zu übertragen wären, machen die Teilnahme der Wissenschaftler vollkommen deutlich: »Der Fernstehende konnte in der Regel nicht erkennen, welche [sic] grundlegenden Verdienst gerade die Psychiatrie [fett RT] hat, insofern ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse die Gefahr der Entartung in ihrem ganzen Ernste enthüllt und ein richtiges Verständnis für diese Gefahr und für die notwendigen Gegenmaßnahmen erweckt, damit aber wirksame Gegenmaßnahmen überhaupt erst ermöglicht hat.«
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Nachdem er dies geschildert hatte, sagte Karl Brandt voller Stolz zu seinem amerikanischen Vernehmer: »Hier handelt es sich um einen der Fälle in der Geschichte der Medizin, wo ein großer Sprung nach vorn erfolgt.« Diese seltsame Bemerkung stellte keine isolierte Ansicht dar, sondern ein extremes Beispiel der Technikfaszination, die die Manager der Mordaktionen an den Tag legten.
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Nachdem er beauftragt worden war, die Durchführung des Euthanasieprogramms zu leiten, kam Brack seinen neuen Pflichten voller Eifer nach. Nach dem Krieg sagte er aus: »Wir haben die Euthanasie bei ihrer Einführung innerlich begrüßt, denn sie war auf die ethischen Gesichtspunkte des Mitleides [fett RT] gegründet und besaß menschliche Erwägungen ... Ich gebe zu, daß Mängel und Fehler in der Durchführung aufgetreten sind. Das ändert aber nichts an der ursprünglichen Idee, wie sie Bouhler oder Brandt oder ich selbst aufgefaßt haben.«
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Außerdem hatten die führende Vertreter der Ärzteschaft schon früher fast ausnahmslos die Zwangssterilisation unterstützt. Selbst nach seiner Emeritierung vom angesehenen Berliner Lehrstuhl für Psychiatrie sprach sich der hochgeachtete Karl Bonhoeffer gegen die Wiederverheiratung einer Frau aus, deren Schizophrenie er als erblich klassifiziert hatte, obwohl diese Frau sechs Jahre zuvor sterilisiert worden war
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Als die radikale Lösung der Euthanasie an die Stelle der langsameren Methode der Massensterilsation trat, war die Wissenschaft bereit, dieses Programm zu leiten und von ihm zu profitieren. Von Anfang an waren Forscher an den Morden beteiligt. Wie wir gesehen haben, leiteten dienstältere Psychiater die Medizinische Abteilung von T4 und wirkten als Gutachter bei der Beurteilung behinderter Patienten.
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Zu Beginn des Euthanasieprogramms beschlossen Wissenschaftler, die mit T4 zusammenarbeiteten, die Forschung solle sich die Möglichkeiten zunutze machen, die das Mordprojekt eröffnete. Zwei Forschungsinstitute taten sich bei der wissenschaftlichen Auswertung der Euthanasiemorde besonders hervor: die Psychiatrisch Neurologische Klinik der Universität Heidelberg unter Professor Carl Schneider und die Beobachtungs- und Forschungsabteilung bei der Landesanstalt Brandenburg-Görden unter Leitung von Hans Heinze.
...
Die größte Nachfrage bestand nach Gehirnen. Julius Hallervorden (beliefert von Görden)...sowie Professor Carl Schneider, der an seiner Heidelberger Klinik anspruchsvolle Forschungsprojekte in Gang setzte, taten sich bei dieser letzten Schändung der Opfer am meisten hervor.
Selbstverständlich waren Hallervorden und Schneider nicht die einzigen Wissenschaftler, die Euthanasieopfer für ihre Forschungszwecke mißbrauchten. So gingen beispielsweise Organe von Kindern, die in der Landes- und Pflegeanstalt Lubliniec in Oberschlesien ermordet worden waren, zu Forschungszwecken an das Forschungsinstitut für Neurologie, das Professor Viktor von Weizsäckers Lehrstuhl für Neurologie an der Universität Breslau angeschlossen war.
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Ein noch ehrgeizigeres Projekt, bei dem Euthanasieopfer das Ziel einer fragwürdigen medizinischen Forschung waren, startete Carl Schneider von der Psychiatrisch-Neurologischen Klinik der Universität Heidelberg. Schneider galt als der bedeutendste Forscher von T4 und seine Klinik als das führende Forschungsinstitut [fett RT], das mit dem Euthanasie-Mordprogramm in Verbindung stand. Insofern beeinflußte Schneider auch die Entwicklungen in Görden.
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Mit Forschungsmitteln von T4 und vom RMdI errichtete Schneider außerdem Sonderstationen, in denen man die Opfer beobachten und untersuchen konnte. Zusätzlich zu seinem Oberarzt Konrad Zucker sicherte er sich die zeitweiligen Dienste der Doktoren Deussen, Rauch, Schmieder, Schmorl, Suckow und Wendt.
Eine weitere Forschungsabteilung wurde in der Anstalt Eichberg eingerichtet, in der sich bereits eine Kindermordstation befand. Im Mai 1942 führten Verhandlungen zu der Abmachung, daß Eichberg je eine Station für Männer und Frauen errichten solle, in denen man sie »beobachten, untersuchen und behandeln« werde.
Besonders wichtig war, daß Eichberg zu Forschungszwecken Gehirne nach Heidelberg liefern konnte.

Der Reichsausschuß ließ Kinder aus verschiedenen Anstalten, selbst aus so weit entfernten wie Hamburg-Langenhorn, in die Anstalt Eichberg bringen. Dort wurden sie beobachtet, getötet und seziert, und anschließend schickte man ihre Hirne nach Heidelberg. Selbst nach der Schließung der Forschungsabteilung in Wiesloch blieb jene in Eichberg bestehen, obwohl auch die dortigen Bedingungen keineswegs zufriedenstellend waren. In jedem Fall setzte Schneider seine Forschungstätigkeit in der Heidelberger Klinik fort.... Ende 1942 forderte er von T4 dringend eine Liste der »Idiotenanstalten« an, in denen sich entsprechende Patienten befanden. Im Sommer I943 drängte er Nitsche, jeden Monat zehn bis zwölf »Idioten« nach Heidelberg zu verlegen. Wann immer er unterwegs war, hielt Schneider nach geeigneten Forschungsobjekten Ausschau. Nach einer Reise teilte er Nitsche mit: »Viele >schöne< Idioten haben wir in der elsässischen Anstalt von Hirt in Straßburg festgestellt. Verlegungsanträge werden folgen
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Ohne ein Euthanasiegesetz konnten die Mörder im weißen Kittel nur das Fehlen einer »zentralen Kontrolle« bedauern, sich über den »Wahnsinn... dieser wilden E.-Maßnahmen« beschweren und sich um die Erhaltung des »Ansehens der Psychiatrie« Sorgen machen. Sie bestimmten jedoch weiterhin über den Verlauf der Euthanasiermorde. Zunächst kämpften sie um den Status der Psychiatrie und planten für ihre Fachrichtung eine Zukunft, in der all jene Kranken, die nicht ermordet würden, geheilt werden könnten.
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...führende Psychiater und Neurologen, die bei den Aktionen von T4 mitwirkten: Walter Creutz, Max de Crinis, Werner Heyde, Paul Nitsche, Kurt Pohlisch, Ernst Rüdin, Carl Schneider und Viktor von Weizsäcker.

Da sie entschlossen waren, mit der Euthanasie und also der Ermordung behinderter Patienten fortzufahren, war der Zeitpunkt absehbar, ab dem es für sie überhaupt keine Patienten mehr geben würde. Als sich das Morden zur Hauptaufgabe der Psychiatrie entwickelte, sank darüber hinaus das Ansehen dieses Berufszweiges, da Angehörige potentieller Patienten den Kontakt zu psychiatrischen Anstalten zu meiden begannen, Medizinstudenten der Psychiatrie als einem Bereich der Spezialisierung vermehrt aus dem Weg gingen und jüngere Psychiater entmutigt wurden . Die führenden Köpfe des Berufsstandes waren daher entschlossen, »das menschliche und wissenschaftliche Niveau der Psychiater zu heben«.

20 Jahre zuvor hatten die Psychiater bereits eine ähnliche Schädigung ihres Rufes erlebt, weil sie während des Ersten Weltkriegs Soldaten, die als Drückeberger galten, brutal behandelt hatten. Schließlich hatten sie dann aber fortschrittliche Therapien eingeführt, die das Ansehen ihres Standes wieder hoben. Besonders verbreitet war die Arbeitstherapie, die sich als sehr erfolgreich und beliebt erweisen sollte, obwohl sie autoritäre Strukturen in den Anstalten tendenziell förderte, indem sie den Patienten Zwangsarbeit auferlegte und ihre Bewegungsfreiheit einschränkte.
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.«... Im letzten Kriegsjahr wurden Schneiders Forschungsarbeiten erschwert, weil bei den »Reichsausschußkindern« [fett RT]in Eichberg keine Autopsien mehr durchgeführt wurden, so daß es ihm am eigentlichen Versuchsmaterial fehlte.
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Wir haben wieder und wieder die Verbindung zwischen den Mordaktionen gegen Behinderte, Juden und Zigeuner gesehen. Die Interpretationen dieser drei Aktionen haben sich über die Jahre verändert. Im Dritten Reich führte der Mord an den Behinderten zu öffentlicher Opposition, während die Ermordung der Juden und der Zigeuner nichts dergleichen hervorrief. Seit dem Krieg hat sich das öffentliche Interesse aber auf die Ermordung der Juden konzentriert, während die der Behinderten und der Zigeuner bis vor kurzem wenig Aufmerksamkeit erfahren hat. Man kann jedoch keine dieser Mordaktionen ohne Bezug auf die anderen erklären. Zusammen stellten sie den nationalsozialistischen Genozid dar.
Die Verbindung zwischen den drei Mordaktionen war, wie wir gesehen haben, eine ideologische: der Glaube an die menschliche Ungleichheit und die Entschlossenheit zur Reinigung des Erbguts des deutschen Volkes.

Seite 466

Um ohne den Versuch einer neuen Psychopathologie (was sich bei dem „depressions"geplagten Serienmörder, der sich nach seinen Taten in der Psychiatrie „behandeln" ließ, anbieten würde, der sich heute wahrscheinlich zu den Psychiatrie-Erfahrenen zählen lassen wollte) auszukommen, möchte ich versuchen, die innere Logik aufzuzeigen, die Carl Schneiders Verhalten begründet. Die innere Logik des gläubigen Protestanten, der mit seinem Therapiekonzept, insbesondere mit seiner Arbeitstherapie zum Euthanasiemörder prädestiniert war und sich insofern als einer der Spitzenideologen nur konsequent verhielt. Inwieweit zu dieser inneren Logik noch Gefühle des Morden-Wollens, des Hasses auf seine Opfer passen, die durch die Grammatik der deutschen Sprache und Kultur vermittelt sind, möchte ich weiterer Forschung überlassen; der analytisch geschulte Verstand wird meiner Ansicht nach dabei fündig werden.

Bei der Ermordung von Menschen geht es in besonders drastischem Maße um Macht und Gewalt, gerade auch gegenüber eigenen Gefühlen und Empathie zu Menschen als Spiegel seiner Selbst. Es geht um „geistige" Macht, um Kontrolle eines anderen durch die „Stärke" des eigenen Glaubens.
Meiner Ansicht nach liegt da der wesentliche Schlüssel des Geschehens: Im Protestantismus, insbesondere in seiner deutschen Facette.

Warum? Glaube versetzt Berge, und ist in der Regel stärker als Wissen durch Erfahrung. Religiöser Glaube an umfassende Autorität, Gott oder seine Mehrzahl, anerkennt diese Macht auf das eigene Schicksal. Animismus und anderen Urglauben möchte ich in dieser Betrachtung außer Acht lassen und die Unterschiede zwischen den monotheistischen Religionen hervorheben: im jüdischen ist Gott Vertragspartner, ein Äußerer gegenüber dem Gläubigen und die Menschen warten noch auf die Befreiung, im katholischen ist Gott schon vermenschlicht, aber es gibt eine strenge Hierarchie mit einem kinderlosen älteren Herren an der Spitze.

Und ein noch wesentlicherer Unterschied, im jüdischen ist es ein gerechter Gott, also ein Vertragspartner, der sich strikt an seine Versprechungen hält, im christlichen ist es ein Gott des Liebesgebots, also der einer notwendigerweise subjektiven Intention! Dieser Unterschied wird uns noch sehr beschäftigen.
Ich zitiere aus Thomas Szasz: „Theologie der Medizin" S. 164
..."kann Gerechtigkeit im einfachsten Sinn als Erfüllung von Verträgen oder Erwartungen definiert werden. Verträge beinhalten außerdem Leistungen und Gegenleistungen - also offenkundige Handlungen. Dadurch unterscheiden sie sich von Absichten, Gefühlen oder Geisteszuständen, die persönliche Erfahrungen sind. Folglich läßt sich Gerechtigkeit öffentlich kontrollieren, überprüfen und beurteilen, während Liebe nicht überprüfbar ist.

Daher ist die Behauptung man handle gerecht, ein Ersuchen um die Zustimmung anderer Menschen, während die Behauptung, man handele liebevoll, keinen Raum für das Urteil anderer läßt und in ihrem Eifer auch keinen Widerspruch duldet. Kurz obwohl die Liebe dem Ideal nachstrebt, die Bedürfnissse der anderen zu beachten, und die Gerechtigkeit dem Ideal, vereinbarte Regeln zu beachten, bietet die Gerechtigkeit in der Praxis den Interessen der anderen, so wie sie selbst sie verstehen, mehr Schutz als liebevolle Handlungen."

Dies erklärt wie Intentionales eben keinen Schutz vor den Verfolgungen und Vernichtungen bietet wie z.B. in der Inquisition. Dabei war als Motiv ganz typisch, dies zum Besten des Verfolgten zu tun, ihn zu bekehren, zu missionieren. Die Grundlage ist ein intentionaler Maßstab und eben nicht ein sprachlich/kommunikativer, der das Handeln an Versprechungen und Verträgen meßbar macht, sondern ein willkürlicher Maßstab der Liebeserklärungen der Herschenden. Wie weit wurde damals schon die Sprache erodiert?

Aber statt einer Emanzipation von der Sünde durch einen Preiskampf beim Ablaßhandel, nimmt nun die Geschichte ihre schlimmste Wendung: Die Moral wird von den Reformisten von einer äußeren Autorität und kommunikativen Kontrolle - Gerechtigkeit - völlig abgelöst und ins Innere des Subjekts verlegt, in sein Gewissen. Dadurch kann man sich den eigenen Erfolg in der Welt zum Zeichen der göttlichen Anerkennung machen, die protestantische Ethik des Geistes des Kapitalismus war geboren. Von nun kann sich der Produzent in die Produkte seiner Arbeit seine Verwirklichung als Mensch phantasieren. Arbeit bekommt gesellschaftlich einen neuen Ort.
Dieser Glaube schlägt sich in Deutschland auf die Seite der weltlichen Siegermacht - die religiöse Revolution in Allianz mit der weltlichen Autorität: ein Grundmotiv für den Holocaust ist geschaffen.

Die gesellschaftlichen Folgen sind offensichtlich - ich zitiere Jean Baudrillard: „Der symbolische Tausch und der Tod" S. 51
Die Einsperrung in der Manufaktur ist die Phantastische Erweiterung jener Einsperrung im 17. Jahrhundert, die von Foucault beschrieben wurde. Hat die industrielle Arbeit (als nichthandwerkliche, kollektive, von den Produktionsmitteln enteignete, unter Kontrolle stehende Arbeit) nicht das Licht der Welt in den ersten großen Hôpitaux Généraux erblickt?

Während einer ersten Zeit sperrt eine Gesellschaft im Zuge ihrer Rationalisierung ihre Müßiggänger, ihre Irren, ihre Abweichler ein, sie beschäftigt sie, sie hält sie fest, sie zwingt ihnen ihr rationales Arbeitsprinzip auf. Aber die Ansteckung ist wechselseitig, und jeder Einschnitt, durch den die Gesellschaft ihr Prinzip der Rationalität errichtet hat, wirkt auf die Gesellschaft der Arbeit insgesamt zurück: die Einsperrung ist ein Mikromodell, das sich in der Folge verallgemeinern und als Industriesystem auf die gesamte Gesellschaft ausdehnen wird, die im Zeichen der Arbeit, der produktivistischen Zwecksetzung zum Konzentrationslager, zum Gefangenen- und Straflager geworden ist.

In der Tat hat diese Entwicklung ihren vorläufig sichtbarsten Höhepunkt in der industrialisierten Eliminierung der Abweichler unter dem Zeichen „Arbeit macht frei" für den Schornstein gefunden.

Wie ist diese Situation durch die Psychiatrie vermittelt?
Um die Diagnose von Baudrillard zu explizieren:
Paradigma von Psychiatrie ist Definition von Krankheit in dem Ungreifbaren von Psyche, und damit von Seiten der Mächtigen, die medizinisch/körperliche Gewalt, die sie den „Krankheitsuneinsichtigen" Abweichler angedeihen lassen kann, wiederum unter der legitimatorischen Fassade von Hilfe, Liebe zum Dissidenten, jetzt in medizinischem Jargon „Therapie" genannt. Mit dieser Rhetorik, einer Metapher für Hilfe, kann man sich der geistigen Kontrolle von Menschen bemächtigen, deren Glauben durch Geständnis der „Krankheits"einsicht erzwingen und die Verhüllung der häßlichen Seite der Gewalttätigkeit sich selbst gegenüber gewährleisten.

Diese Ideologie in Koalition mit der weltlichen Macht und der medizinische Mord, der Genozid als Volksgesundung paraphrasiert, wird zur Forderung der Stunde, eben als deutsches: „Sieg Heil"
Daß dabei noch so nebenbei der Nachweis für Kants bis Griesingers Geisteskrankheit als lokalisierte Krankheit des Kopfes abfallen sollte, macht die Leichenflädderei für Hirnpräperationen verständlich.

Dies wiederum erklärt, warum noch heute mit Pharmakologie und scheibchenweiser Erforschung des Mentalen als Hirnorganischem der „psychischen Krankheit" beigekommen werden soll. Es bleibt das Anliegen, zu wissen was der ordentliche Zustand eines Menschen sei, der im Zweifel - bei „Krankheits"uneinsicht des Abweichlers - mit Zwang herbeizuführen ist.

Und wenn sich nun körperliche Merkmale z.B. für die sog. Schizophrenie finden lassen sollten, die Zwillingvergleichsstudien als Hinweis auf noch unentdeckte Genzusammenhänge ernst zu nehmen sind?
Dann wird mit dieser medizinischen Logik gegen die Abweichler, der sog. Schizophrenie sobald wie möglich der Gar aus gemacht werden, um die Ver-rückten endlich von dieser Welt zu verbannen. Ob ich dieses Psychopharmakon Medizin oder Bio-Waffe nennen soll, bleibt sich gleich, der Begriff der Waffe entkleidet den medizinischen Jargon seiner selektiven Gewalttätigkeit - Sichten und Vernichten!
Führen Sie sich im Lichte dieser Erläuterungen den folgende Presseartikel aus der „Berliner Zeitung" vom 6.10. Seite 7 zu Gemüte:

Bundeswehr rechnet mit Gen-Waffen
Britische Streitkräfte führen bereits Experimente durch


BONN/LONDON, 5. Oktober. Die Gentechnik wird nach Ansicht von Militärexperten auch für die Kriegsführung eingesetzt werden. Wie die "Welt am Sonntag" unter Berufung auf ein Bundeswehrpapier berichtet, rechnen Militärexperten mit der Entwicklung von Bio-Kampfstoffen "gegen genetisch unterschiedliche Menschengruppen". Solche Kampfstoffe wären für die eigenen Soldaten ungefährlich, für Menschen einer anderen genetischen Gruppe aber tödlich. Aus den gentechnisch hergestellten biologischen Waffen ergebe sich eine "völlig neue Bedrohung", der "keine hinreichenden Abwehrmaßnahmen entgegengestellt werden" könnten, heißt es.

Die Studie mit dem Titel "Streitkräfteeinsatz 2020" war vom Militärischen Führungsrat (MFR) der Bundeswehr in Auftrag gegeben worden. Nach einem Bericht der "Sunday Times" bereitet sich Großbritannien bereits auf die gentechnische Kriegsführung vor. Elitesoldaten würden versuchsweise per Gentest ausgewählt und anschließend speziellen Tests unterzogen, um herauszufinden, welche Gene für die körperliche Leistungsfähigkeit verantwortlich sind. (AFP)

Vergleiche helfen dem Denken ja durch Veranschaulichung: Wie wäre unter dem medizinischen Blickwinkel vor 30 Jahren noch ein „genetischer" Befund für Homosexualität behandelt worden? Mit den neuen Biowaffen! So gesehen war AIDS doch beinahe schon ein Erfolg!
Und wer sagt denn, daß Armut und kriminelles Verhalten nicht auch noch in den Genen gefunden werden kann? Therapiert sie! Therapiert sie!

Um zum Abschluß noch einmal auf Carl Schneider zurückzukommen, sind wir wirklich so weit weg von all diesen Geschehnissen?
Zitat Prof. Dörner, 1986!: „Schneiders ... Lehrbuch ist möglicherweise das einzige Buch in der Geschichte der Psychiatrie, das sich über 500 Seiten mit den Handlungs- und Behandlungsmöglichkeiten der Psychiatrie beschäftigt...Und damit sind wir bei der Arbeitstherapie als dem „Grundstock" allen therapeutischen Tuns in der Psychiatrie. Arbeitstherapie ist daher auch der Kern der Tätigkeit sowohl der Ärzte als auch der Pfleger in der Psychiatrie.....Insofern muß ich zugeben, daß wir es alle bitter nötig haben, Carl Schneider wiederzulesen, um seine theoretischen sowie seine praktischen Positionen und Erfahrungen zu beerben und für unsere Zeit... zu übersetzen und nutzbar zu machen".....Carl Schneider, "der wissenschaftstheoretisch im 20.Jahrhundert kaum zu überbietende Theoretiker...".
Man beachte diese Bewunderung, diesen Glauben an Carl Schneider noch 40 Jahre nach Ende der Naizherrschaft.


„Wenn man einmal davon absieht, daß es verboten ist zu fragen: „was wäre wenn.."-historisch wissenschaftlich ist es verboten - wenn ich das einmal vergesse" (Zitat Prof. Dörner im Film Healing by Killing) -
was wäre mit den Ver-rückten Europas geschehen, wenn diese Ärzte gesiegt hätten?




Verwendete Literatur:
Thomas S. Szasz: die Theologie der Medizin, Europaverlag
Jean Baudrillard: Der symbolische Tausch und der Tod, Matthes & Seitz Verlag
Henry Friedlander: Der Weg in den NS-Genozid, Berlin Verlag
Klaus Dörner: Klassische Texte neu gelesen, in Psychiatrische Praxis 13 (1986), S. 112-114

© René Talbot

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